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Deine Vorlieben sind der Börse egal!

Wir leben aus unterschiedlichen Gründen in interessanten Zeiten, insbesondere auch in Bezug auf das private Anlegen von Geld. Durch Facebook & Co. haben wir mehr denn je die Möglichkeit, uns miteinander zu vernetzten, auszutauschen und gegenseitig aus den Fehlern der anderen zu lernen!

 

Auf Facebook gibt es eine große Anzahl an deutschsprachigen Gruppen rund um die Börse und das Investieren. Dazu gehören die Dividendenstrategie-Gruppe (> 22.000 Mitglieder), die Aktien mit Kopf Community (> 23.000 Mitglieder), die Börsentalk-Gruppe (> 11.000 Mitglieder) und noch viele mehr. Ich bin selber ein Mitglied in einigen dieser Gruppen und finde es grundsätzlich hervorragend, dass sich Menschen die Mühe machen, eine solche Gruppe zu betreiben und es Privatanlegern ermöglichen, sich online auszutauschen!

 

Heute möchte ich aber ein Thema ansprechen, das mir bei zahlreichen Postings in diesen Gruppen negativ aufgefallen ist, nämlich der Unterschied zwischen der persönlichen Präferenz für ein Produkt oder ein Unternehmen und der Bewertung der Aktie dieses Unternehmens. Generell erscheint es mir, dass sich beim Aktienkauf zu viele Leute fast ausschließlich auf ihr Bauchgefühl und/oder die Meinung anderer Personen zu verlassen.

 

Hier nur beispielhaft einige Postings:


Solche Beiträge findet man leider viel zu oft in diesen Gruppen, ganz zu schweigen von den Hunderten von Posts à la "Was haltet ihr von Aktie XYZ?" oder "Ich plane ABC zu kaufen, was spricht dagegen?"

 

Ein Investment in eine Einzelaktie sollte auf einer detaillierten Analyse dieser Aktie basieren. Dazu zählen einerseits eine qualitative Einschätzung des Geschäftsmodells, des Managements und des Marktumfelds, aber ganz offensichtlich auch eine quantitative Bewertung des Wertes dieser Aktie. Letzteres wird leider häufig komplett ignoriert, was allerdings nicht weiter verwundert, weil die quantitative Bewertung deutlich schwieriger und komplexer ist als eine hauptsächlich subjektive Einschätzung eines Unternehmens.

 

Einige machen es sich noch einfacher und entscheiden auf Grundlage ihres Bauchgefühls und ob sie selbst die Produkte dieses Unternehmens mögen oder nicht. Ein Vorgehen, was an Irrationalität wohl kaum zu überbieten ist.

 

Betrachten wir nachfolgend einmal, was eine Aktienbewertung ist und warum die Qualität der Produkte eines Unternehmens nicht automatisch etwas mit der Qualität seiner Aktie als Investment zu tun hat.

 

Was ist eine Aktienbewertung?

 

Bei einer Aktienbewertung geht es darum, einer Aktie einen quantitativen Wert beizulegen, sprich einen Preis zu ermitteln, den man für den Erwerb der Aktie bereit zu zahlen wäre. Es gibt keine festen Regeln, welche Bestandteile eine Aktienanalyse beinhalten muss, häufig teilt sich eine Bewertung aber in zwei Hauptteile auf.

 

Der erste Teil ist qualitativer Natur. Man findet darin oft eine Beschreibung des Geschäftsmodells des Unternehmens, eine Analyse der Branche, eine Vorstellung des Managements und weiteres. Dieser Teil ist wichtig, um überhaupt zu verstehen, um was für ein Unternehmen es sich handelt, jedoch bedarf es zum Erstellen dieser eher subjektiven Analyse wenig besonderen Fachkenntnissen und jeder hat grundsätzlich die Möglichkeit, eine solche Analyse zu erstellen. Dies wird durch die Tatsache verstärkt, dass es wenig Maßstäbe gibt, um die Richtigkeit einer solchen qualitativen Analyse eindeutig zu bestimmen. Viele sogenannte Aktienanalysen im Internet beschränken sich fast ausschließlich auf diesen Teil der Aktienbewertung!

 

Der zweite Teil ist quantitativer Natur. Anhand von Kennzahlen, Multiplikatoren und/oder Modellen versucht man, den inneren Wert einer Aktie zu bestimmen. Dazu gibt es zahlreiche unterschiedlich komplexe Verfahren. Ein gängiges Vorgehen ist das Discounted-Cash-Flow Modell, bei dem vereinfacht gesagt der Barwert der zukünftigen cash flows bestimmt wird. Dieser zweite Teil bedarf tiefgründigen bilanziellen und finanzmathematischen Kenntnissen und kann nicht so ohne weiteres von jedem erstellt werden. Auch beruhen alle Modelle auf Zukunftsaussichten, die ebenfalls von subjektiven Einschätzungen geprägt werden. Die Aussagen aus diesem zweiten Teil (die eigentliche Bewertung!) im späteren Zeitverlauf anhand der Kursentwicklung eindeutig überprüfbar und bewertbar.

 

Was sind Präferenzen?

 

Unsere persönlichen Präferenzen beruhen auf rein subjektiven Vorlieben. Manche Menschen bevorzugen McDonald's, andere gehen lieber zu Burger King und wieder andere mögen erst gar keinen Fast Food. Da Präferenzen aus nicht objektiv begründbaren Vorzügen entstehen, lassen sich unterschiedliche Präferenzen auch nicht in eine Rangordnung fügen, d.h. meine Präferenzen sind nicht besser oder schlechter als deine. Somit stellen unsere eigenen Präferenzen auch kein objektives Kriterium für eine Bewertung einer Aktie dar.

 

Präferenzen ≠ Aktienbewertung

 

Die Unterschiede von Präferenzen und einer sinnvollen Aktienbewertung ist offensichtlich, es handelt sich dabei schlicht um zwei paar Schuhe! Wer den Anspruch einer möglichst rationalen Herangehensweise beim Investieren hat, sollte sich bei der Auswahl von Investments genauso wenig auf seine persönlichen Präferenzen verlassen wie auf sein Bauchgefühl! Aussagen wie "Wenn Sonos an die Börse geht kaufe ich mir auf jeden Fall eine Aktie, weil ich ihre Lautsprecher mag" sind töricht und naiv. Generell ist es ein Unding, losgelöst vom Preis über eine Aktie zu sprechen, weil der Preis letztlich entscheidet, ob sich ein Investment lohnt oder nichtSelbst wenn ich ein Fan von einem bestimmten Unternehmen bin, kann die Aktie ein sehr schlechtes Investment darstellen.

 

Natürlich kann man die Kundensicht in die qualitative Bewertung mit einfließen lassen, aber sie sollte niemals die Grundlage für die Bewertung einer Aktie sein! Manchmal erscheint es mir, dass die Leute nicht mehr zwischen den Produkten und den Aktien von bestimmten Unternehmen unterscheiden können!

 

Leider veröffentlichen auch viele Finanzbblogs und Online-Medien "Aktienanalysen" und "Aktienbewertungen", die gänzlich darauf verzichten, den fairen Wert der Aktie zu errechnen, um sich damit automatisch vor zukünftiger Kritik schützen.

 

Wenn ich auf aktive Anleger (seien es Anhänger der Growth, Value oder Dividendenstrategie) treffe, dann stelle ich ihnen stets die Frage: "Wie suchst du dir deine Aktien aus?". Zu meiner großen Enttäuschung höre ich dann fast immer Antworten wie: "Ich schau mir das Unternehmen an, was es so macht und höre dann auf mein Bauchgefühl", oder auch "Ich lese mir genau die Berichte von Analysten durch". 

 

In einem Satz: Entweder man ist in der Lage, unterbewertete Aktien zu finden, dann sollte man auch den fairen Wert berechnen und veröffentlichen können, oder man ist eben nicht in der Lage dazu, dann sollte man sowieso besser passiv investieren! Alles andere ist ein reines Glücksspiel.

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