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Passiv Investieren - die Basics!

In meinem Artikel zur Markt-Effizienz-Theorie habe ich geschrieben, dass es etliche Studien gibt, die nahelegen, dass aktives Stock Picking und Market Timing für die allermeisten Anleger nicht funktionieren. Nur ein verschwindend geringer Anteil der aktiven Investoren schafft es also, unter Berücksichtigung von Kosten einen zutreffend gewählten Vergleichsindex über einen langen Zeitraum zu schlagen. Im Artikel über ETFs habe ich außerdem erklärt, was die Vorteile von börsengehandelten Indexfonds sind.

 

Heute fügen wir diese zwei Aspekte mal zusammen und beleuchten das sogenannte Passive Investieren!

 

Zum Begriff

 

Passiv - dieser Begriff ist in unserem Sprachgebrauch negativ konnotiert. Man verbindet damit Faulheit oder fehlendes Engagement. Das leuchtet ein, denn in den allermeisten Bereichen des Lebens wird Aktivität mit Erfolg verbunden. Wer sich im Studium oder im Beruf aktiv betätigt und sich einsetzt, wird eine bessere Leistung erbringen und langfristig mehr erreichen als passive Menschen. 

 

Aus diesem Grund gibt es viele bekannte Persönlichkeiten, die neutralere Begriffe wie Indexing oder Wissenschaftliches Investieren bevorzugen.

 

Allerdings stammt das Wort passiv vom lateinischen Verb pati, was erdulden, hinnehmen bedeutet. Von diesem Gesichtspunkt betrachtet passt der Begriff Passives Investieren also, denn ein passiver Investor nimmt die Kursrückgänge hin und erduldet zwischenzeitliche Rücksetzer!

 

Was ist Passives Investieren?

 

Was bedeutet das nun im Kontext der Geldanlage? Passives Investieren bezeichnet eine langfristige Anlagestrategie, bei der ein Investor einen oder mehrere Indizes abbildet. Dabei liegt das Ziel des Investors in einer breiten Diversifikation, sowohl in geographischer Hinsicht, als auch über unterschiedliche Branchen und Assetklassen hinweg. Ein passiver Investor versucht nicht, den Markt zu schlagen, sondern gibt sich mit der durchschnittlichen Gesamtrendite des Marktes zufrieden. 

 

Aufgrund ihrer geringen Kosten und Fungibilität werden dazu häufig die ETFs als Instrument genutzt. Denkbar wären aber auch das direkte, eigenständige Abbilden mittels einzelner Wertpapiere oder Index-Zertifikate.

 

Verdeutlichen wir das mal an einem vereinfachten Beispiel: Anton und Benedikt sind Freunde und investieren beide langfristig in Aktien:

 

Anton fährt dabei eine aktive Strategie. Er analysiert viele Aktiengesellschaften und sucht aktiv nach Unternehmen, die seiner Meinung nach unterbewertet sind. Anton verbringt viele Stunden damit, die Geschäftsberichte von Unternehmen zu lesen, bilanzielle Kennzahlen auszuwerten, Branchenberichte nachzuvollziehen, Analysten-Calls mitzuhören, Interviews des Managements zu lesen usw. Anton baut sich so über mehrere Jahre langsam und mühselig ein Depot auf  bestehend aus 15 Aktien aus Deutschland, den USA und China. Allerdings ist seine Arbeit damit noch nicht getan, denn er muss seine Aktien weiterhin im Auge behalten und eventuell verkaufen, falls sich ein Unternehmen ganz anders entwickelt als gedacht...

 

Benedikt hingegen hat von der Effizienz der Märkte gehört und geht nicht davon aus, dass er bessere Entscheidungen als die anderen Marktteilnehmer treffen kann. Er entscheidet sich also für eine passive Anlagestrategie. Er richtet sich einmalig einen ETF-Sparplan ein und kauft damit automatisch jeden Monat zwei ETFs, wovon einer die Aktien von 1.600 Unternehmen aus 23 Industrienationen und ein anderer die Aktien von 800 Unternehmen aus 24 Entwicklungsländern abbildet. In seinem Depot stehen also nur zwei Wertpapiere, allerdings verbergen sich dahinter die Aktien von tausenden Unternehmen auf der ganzen Welt! Abgesehen von einem einfachen und schnellen Rebalancing muss sich Benedikt überhaupt nicht mehr um das Treiben an der Börse kümmern. Er widmet sich anderen Dingen und investiert seine Zeit in sein Humankapital und seine Arbeit...

 

Nach 30 Jahren treffen sich Anton und Benedikt und vergleichen die Entwicklung ihrer Depots. Mit großer Überraschung zeigt sich, dass beide eine langfristige Rendite von ungefähr 7 % pro Jahr erreicht haben. Allerdings hat Benedikt seine Zeit in andere Dinge investiert und ein eigenes Unternehmen gegründet, womit er monatlich ein vielfaches von Antons Gehalt verdient.

 

Dieses Beispiel ist natürlich überzeichnet und rein zur Erklärung der Passiven Anlagestrategie konstruiert. Statistisch gesehen besteht übrigens eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit, dass Anton nach 30 Jahren eine schlechtere Rendite erreicht hat als Benedikt.

 

Die Vorteile des Passiven Investieren

 

Passives Investieren birgt viele Vorteile in sich. Diese umfassen unter anderem:

  • Geringe Kosten durch geringe Handelsaktivitäten und kostengünstige ETFs
  • Hohe Diversifikation, ergo relativ geringes Risiko
  • Aus wissenschaftlicher Sicht höchstmögliche Rendite
  • Leicht nachvollziehbare und simple Strategie
  • Übersichtliches Depot durch wenige Wertpapiere
  • Zeit- und nervenschonende Methodik

Wenn man diese Liste von Vorteilen betrachtet, wird schnell klar, warum sich ETFs und die passive Anlagestrategie in den letzten Jahren immer größere Beliebtheit erfreuen. In der Tat kann man behaupten, dass sich für die allermeisten Privatanleger eine rein passive Anlagestrategie geradezu aufdrängt! 

 

Vorsicht vor dem Action Bias

 

Der Action Bias ist ein ganz großes Problem für viele Menschen – und zwar nicht nur beim Investieren! Einfach ausgedrückt besagt der Action Bias, dass Menschen einen tiefen Drang zum Handeln und aktiv werden verspüren, und zwar selbst dann, wenn ihr Handeln voraussichtlich nutzlos, möglicherweise sogar schädlich für sie selbst ist!

 

Im Kontext der Börse bedeutet dies, dass es viele schlicht nicht aushalten, eine passive Strategie über mehrere Jahrzehnte durchzuziehen. Die Leute werden benebelt von den Börsen-Nachrichten, ihrem Umfeld oder auch der eignen Überheblichkeit. Sie möchten aktiv handeln und sich einzelne Aktien von realen Unternehmen ins Depot legen. Es ist im ersten Moment kontraintuitiv, dass eine so einfache und bequeme Anlagestrategie tatsächlich eine höhere Rendite erbringen soll!

 

Welche Gründe sprechen für Aktive Einzelinvestments?

 

Aus wissenschaftlicher und rein renditeorientierter Sicht spricht alles für das reine Passive Investieren. Passives Investieren bringt langfristig die höchste Rendite bei relativ geringem Risiko. 

 

Dennoch gibt es einige wenige Gründe, die für das (ergänzende) aktive Investieren sprechen:

 

  • Action Bias: Der oben angesprochene Action Bias sollte gezielt kanalisiert werden, um sich nicht langfristig seine gesamte Anlagestrategie zu zerstören. Beispielsweise könnte man einen kleinen Betrag seines Vermögens in Einzelwerte investieren. Dabei empfiehlt es sich, das Ganze streng getrennt vom passiven Depot zu führen.
  • Spaß: Tatsächlich ist das der am meisten genannte Grund, weshalb passive Investoren zusätzlich zu ihrem ETF-Depot auch in Einzelwerte investieren. Dazu gehören auch einige der bekanntesten Finanzblogger und YouTuber. In der Tat ist es so, dass es vielen Spaß macht, sich mit dem Börsengeschehen auseinanderzusetzen, jede Woche neue Unternehmen zu analysieren und sich mit anderen Investoren auszutauschen. Für viele ist die Börse tatsächlich ein Hobby. Außerdem besteht ja in der Tat die Chance auf eine Überrendite. Dieses Argument ist meiner Meinung nach valide - allerdings muss man aufpassen, dass das aktive Investoren aus reinen Spaßgründen nicht die Überhand gewinnt.
  • Lerneffekt: Wer Unternehmen sinnvoll analysiert und immer mehr wirtschaftliche Zusammenhänge versteht, erzielt einen sehr großen Lerneffekt. Das aktive Investieren erfordert weitreichende Kenntnisse aus der Rechnungslegung, Betriebs- und Volkswirtschaft, Mathematik, Psychologie, Geografie, Politik usw. Die Börse umfasst unglaublich viele Themengebiete und ein Aktiver Investor hat tatsächlich die Chance, einiges über diese Dinge zu lernen. Natürlich kann man das auch abseits der Börse tun, aber für viele werden abstrakte Konzepte und Informationen einfach greifbarer, wenn das eigene Geld darin steckt.
  • Chancen: Es gibt gewisse Umstände, die ein Investment in Einzelwerte auch aus Gründen der Rendite rechtfertigen können, nämlich wenn sich einem eine einmalige Chance auftut. Meiner Ansicht nach sind dies beispielsweise die Möglichkeit zum Erwerb von Mitarbeiteraktien mit großem Abschlag oder ein Investment in sehr kleine Unternehmen, über die man mehr Informationen hat als der Gesamtmarkt. Ob und wie oft sich so eine Chance wirklich ergibt, sei dahin gestellt!
  • Branchenwissen: Wer in einer bestimmten Branche oder einem Gebiet über besonders große Kompetenz verfügt, mag in Erwägung ziehen, einzelne Aktien von Unternehmen in dieser Branche zu kaufen. Allerdings müssen wir hier wirklich realistisch sein. Die allermeisten von uns werden nie ein solch profundes Wissen in einer relevanten Branche erwerben!

Fazit

 

Wir haben gesehen, dass das passive Investieren zahlreiche Vorteile gegenüber dem aktiven Investieren aufweist. Bei einer rein gewinnmaximierenden Absicht ist das passive Investieren statistisch gesehen überlegen. Kein Wunder also, dass sie sich in den letzten Jahren immer größer werdender Beliebtheit erfreut! Für mich persönlich sollte ein passives ETF-Depot immer das Fundament der Geldanlage bilden. Wem es Spaß bereitet, wer etwas lernen möchte und wen die Chance auf eine Überrendite reizt, kann darüber hinaus gerne auch mit einem kleineren Teil seines Vermögens aktiv investieren!

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